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Der Grabsteinsockel der Familie von Heister auf dem Siegloser Friedhof
von Dr. Stefan Alles (aktualisiert im November 2011)
Auf dem unteren Teil des Siegloser Friedhofes, der oberhalb des historischen Dorfkerns am Junkernberg in der „Hohle“ liegt, hat sich als einziges Relikt des 19. Jahrhunderts ein Grabsteinsockel mit Wappen erhalten, dessen Herkunft noch in groben Zügen zu erhellen ist:
(Foto: Stefan Alles, 25.4.2011)
Dieser Sockel lässt sich nämlich mit dem 1765 erbauten bäuerlichen Fachwerkhaus der Familie Fetten in Verbindung bringen, das an prominenter Stelle des alten Ortskerns links an der Einbuchtung von der Hauptstraße „in die Hefe“ liegt (heutige Nummer: Finstersee 1):
(Foto: Familie Fetten; in: Karpenstein, Nr. 06156)

Das Wohnhaus bildet den seitlichen Abschluss einer Hofanlage und steht heute unter Denkmalschutz, so dass es auch 1997 in der einschlägigen Denkmaltopographie von Ellen Kemp verzeichnet wurde (S. 295). Es handelt sich demnach um einen giebelständigen, zweistöckigen Rähmbau, der wegen Geländeabfall auf einseitig hohem Werkstein-Sockel steht. Die Giebelseite war zwischenzeitlich verkleidet (noch laut Bericht 1997), wurde inzwischen aber wieder freigelegt. Das Haus hat hofseitig einen ebenerdigen Zugang in der mittleren der drei Zonen. Das Untergeschoss wurde rechts umgebaut. Als künstlerische Besonderheit steifen Mannfiguren mit verzierten Kopfbändern die Bund- und die Eckständer aus.  

Die jetzigen Eigentümer erhielten das Anwesen durch Einheirat von der Familie Loch, die mit Karl Loch zuvor einen langjährigen Bürgermeister stellte (1919-1945). Deren Vorbesitzer wiederum war nach Auskunft der heutigen Bewohner um 1900 ein alleinstehender Herr namens Meinecke, der wohl Mitglied des Männergesangvereins Sieglos war, auch wenn er laut ältestem Protokoll vom Frühjahr 1892 noch nicht zu den Vereinsgründern zählte:

(Bild: Karpenstein, Nr. 00096)

Vorher gehörte das Anwesen schließlich einer Familie von Heister, auf die den jetzigen Besitzern zufolge der besagte Grabsteinsockel „am alten Quartier“ des Siegloser Friedhofs zurückgehen soll. Und tatsächlich wird dies auch durch die auf der Vorderseite zu findende Wappendarstellung unterstrichen, welche eine Variante des Familienwappens von Heister zeigt. Hinsichtlich der Datierung des ehemals sicher imposanten Grabdenkmals ist zu berücksichtigen, dass erst 1834 in Sieglos und seinem südlichen Nachbardorf Eitra in Ergänzung zum weit östlich oberhalb gelegenen Pfarrdorf Wippershain eigene Friedhöfe eingerichtet wurden. Um das Monument war laut Minna Loch (1912-2007) ursprünglich noch ein Eisengitterzaun gezogen, doch ist dieser wie der Denkmalaufsatz verschwunden.

Um Herkunft und Verbleib der Siegloser Familie von Heister erhellen zu können, benötigen wir zunächst allgemeine Informationen zu jenem Geschlecht. Laut dem „Deutschen Namenslexikon“ von Hans Bahlow (1990) bedeutet der niederdeutsche Name Heister/Hester „junger Buchenstamm“. Im früheren Mittelniederdeutsch ist die Form hêster belegt, heute gibt es im Niederländischen heester/s (wie die Schauspielerfamilie) und im Französischen hêtre. In der Tat kann man auf dem Wappen in Sieglos, welches von einer 7-spitzigen Krone als Adelsattribut bekrönt wird, neben einer Sonne einen kleinen Baum mit drei Ästen sehen. Es ist also ein „redendes Wappen“. Die Sonnenscheibe befindet sich dabei hinter dem Stamm:

(Foto: Stefan Alles, 25.4.2011)
Im „Hessischen Wappenbuch“ (1943) ist ebenfalls ein Wappen der Familie von Heister abgebildet. Dort gibt es auch die Bestandteile Baum und Sonne, nun aber ohne die drei Äste und mit Sonnenstrahlen sowie -gesicht. Zudem befindet sich die Sonne hier vor der stilisierten Baumkrone und nicht hinter dem Stamm. Die Wappenfarben sind Silber, Gold und Grün. Sie wurden auf der beigefügten Schwarz-Weiß-Kopie von uns zumindest farblich angedeutet:
(Zeichnung: Hessisches Wappenbuch)

Vielleicht nahm man auf dem Grabstein in Sieglos ja eine Variation des Familienwappens vor, die – dem traurigen Anlass geschuldet – eine sinkende Sonne zeigt. Gleichfalls ist zu bedenken, dass im „Hessischen Wappenbuch“ offensichtlich auch schon andere Darstellungen korrigiert werden mussten. Ebenso sind Abwandlungen in den verschiedenen Familienzweigen möglich: Es gab nämlich neben der – auf den ersten Blick für uns naheliegenden – kurhessischen Linie auch eine ausgestorbene in Österreich.  

Mindestens die kurhessische Linie geht zurück auf den landgräflich hessen-kasselischen Generallieutenant  Leopold Philipp Theodor (von) Heister, der laut seinem frühen Biographen Bernhard von Poten (Allgemeine Deutsche Biographie, Band 13, Leipzig 1881, S. 493 f.) am 4. April 1716 in Homberg (Efze) geboren wurde und zuerst in hessischen, dann französischen und schließlich wieder hessischen Kriegsdiensten stand. Dabei wurde ihm im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740-1748) am 4. Mai 1743 in dem für die Franzosen und Bayern unglücklichen Treffen von Braunau das Bein zerschossen und er selbst gefangen genommen. Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) kämpfte er dann mit Auszeichnung an der Spitze des hessischen Leibregiments zu Pferd, hieß ab 1760 Regiment-Gensd’armes und wurde bei Hastenbeck, bei Crefeld und bei Bergen verwundet. Als 1776 Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel (1760-1785) mit England übereingekommen war, diesem gegen die Bezahlung von Subsidien Truppenteile zum Kampf gegen die aufständischen nordamerikanischen Kolonien im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) zu überlassen, gab er Heister deren Kommando. Dieser war ein alter Haudegen, gerade und derb, und bedingte sich aus, dass der Landgraf seine Schulden bezahlen sowie für seine Frau und Kinder sorgen solle.

Daraufhin schiffte sich Heister Mitte April 1776 mit der Hälfte des auf 12.500 Mann normierten Subsidiencorps in Bremerlehe ein. Nach viermonatiger Seereise landete er im Hafen von Sandy Hook, führte einige Tage später die Mehrzahl seiner Truppen von Staaten Island nach Long Island über und kämpfte am 27. August beim Angriff auf die Stellungen des Feindes sowie bei der folgenden Einnahme von New York wacker mit. Im Oktober traf die andere Hälfte der ihm unterstehenden Truppen ein, kommandiert vom Generallieutenant von Knyphausen. Heister selbst erwarb Ende des Monats neuerlichen Ruhm bei einem Angriff auf die für New York bedrohliche Stellung des amerikanischen Oberbefehlshabers George Washington (1732-1799) in den White Plains, worauf sich dieser auf eine rückwärtige Position zurückzog. Aber zwischen Heister und dem englischen Obergeneral Sir William Howe (1729-1814) zeigte sich bald eine immer stärkere Verstimmung, da dem alten Offizier die Kriegsführung seines Vorgesetzten nicht behagte, worauf dieser an Inhalt und Form seiner Kritik Anstoß nahm. Daher betrieb Howe heimlich Heisters Abberufung und seinen Ersatz durch Knyphausen, was unter dem Vorwand der Rücksichtnahme auf Alter und Gesundheit Heisters im Sommer 1777 in die Tat umgesetzt wurde. Bald nach seiner Rückkehr erkrankte er und starb am 19. November desselben Jahres in Kassel. Noch im Vorjahr 1776 war er aber von Kaiser Joseph II. (1765-1790) in den Adelsstand erhoben worden, womit sicher ebenfalls die Verleihung des „redenden Wappens“ einherging. Dieses vererbte sich auf seine Nachkommen und gelangte so nach 1834 auch auf den Siegloser Grabsteinsockel.

Die direkte Verbindung in das osthessische Dorf konnte 2011 wenigstens in Ansätzen durch den Heimatforscher Wilfried Hahn aus Liebenburg ermittelt werden, auch wenn einige Details offen bleiben müssen. Demnach wurde 30 Jahre nach der besagten Nobilitierung am 1. Dezember 1806 in Kassel ein Adolf Leopold Friedrich von Heister geboren, der den Rufnamen Adolf erhielt und offenbar ein direkter Nachfahre des Dynastiegründers war. Zumindest wurde er dann gleichermaßen Offizier, genauer gesagt Rittmeister im Kurhessischen Leib-Dragonerregiment. Mit 21 ½ Jahren heiratete Adolf von Heister am 30. August 1828 in Kassel die gerade 18 Jahre alt gewordene Sophie Wilhelmine Luise Hellmuth, welche am 7. Juli 1810 dortselbst auf die Welt gekommen war. Aus ihrer Ehe gingen drei Söhne und drei Töchter hervor, nämlich 1830 in Fritzlar Karl Bernhard Leopold (Rufname Karl), 1832 Elisabeth Susanne Bertha (Rufname Bertha), 1833 Anna, 1836 Karl Leopold Theodor (Rufname Theodor), 1838 Bernhard und 1840 Thekla. Vater Adolf von Heister erlitt dann 1847 einen Unfall und schied krank aus dem Militärdienst aus, wobei er eine Pension erhielt. Doch starb er schon im Folgejahr am 17. Mai 1848 mit nur 41 Jahren in Dillich bei Borken.  

Während der Vater demnach noch nicht direkt mit Sieglos in Verbindung zu bringen ist, erscheint sein jüngster Sohn Bernhard von Heister dann tatsächlich als Landwirt in dem osthessischen Dorf. Dieser war beim Tod des Vaters 1848 erst rund 10 Jahre alt gewesen und hatte wohl als drittgeborener Sohn bei der Erbregelung seinen älteren Brüdern den Vortritt lassen müssen. Daraufhin schlug er entgegen der Tradition des Geschlechts auch keine militärische Laufbahn ein, sondern erwarb irgendwann nach der Jahrhundertmitte offenbar von seinem Erbteil fern von Kassel, aber noch in Kurhessen, das stattliche Bauernhaus in der Ortsmitte von Sieglos, welches seinerzeit ja noch keine 100 Jahre alt war. Seine damalige Lage verdeutlicht ein Ausschnitt der Karte des Kurfürstentums Hessen von 1851, die in der „Chronik der sieben Dörfer“ der heutigen Großgemeinde Hauneck (1985) neu abgedruckt wurde (S. 37, Sp. A). Das Anwesen Finstersee 1 wird bei uns durch ein rotes Kästchen hervorgehoben:

Seine landwirtschaftliche Nutzfläche war schon damals eine der größten in dem kleinen Dorf. Denn gemäß einer Ortsbeschreibung von 1859, die in der „Chronik der sieben Dörfer“ zusammengefasst wird (S. 82), zählte der Ort damals nur 149 Einwohner in 22 Wohnhäusern mit 24 Familien, die sich durch Fleiß und Sparsamkeit auszeichnen, aber sehr arm sind. (S. 82, Sp. A, Z. 23 f.). Davon hatten 13 keinerlei Grundbesitz, zwei nur Haus und Garten, sechs bewirtschaften 5 bis 9 Acker, drei hatten 20 bis 40 Acker und nur einer besaß 60 Acker Land. Dabei umfasste auch die Feldmark des Ortes nur 396 Acker, wovon 270 Acker Land, 65 Acker Wiesen, 9 Acker Gärten und Hofreiten sowie 51 Acker Triescher und schlechte Huten waren – nur zwei Achtel der Flur wurden als gut bezeichnet. Auch wenn die Einzelzahlen nicht ganz die Gesamtsumme ergeben, zeugen sie doch von bescheidenen Verhältnissen. 

In diesem Umfeld lebte dann auch Bernhard von Heister bis Ende der 1880er Jahre als Landwirt. So ist es gut möglich dass er bereits auf dem ältesten erhaltenen Foto aus Sieglos zu sehen ist. Dort versammelten sich anlässlich des 76. Geburtstages von Kaiser Wilhelm I. (1871-1888) am 22. März 1873 feierlich 19 Siegloser Männer, bei denen es sich offenbar um die Familienoberhäupter beziehungsweise Hausvorstände handelte. In ihrer Mitte befindet sich ein Fass Dunkelbier mit zwei Fahnen, das offenbar vom links daneben sitzenden Gastwirt Johannes Döring stammte (bald auch langjähriger Bürgermeister 1877-1913). In den Händen der meisten Männer sieht man daher Biergläser, aber auch einige Zigaretten. Leider lässt sich aber Bernhard von Heister nicht mehr auf dem Foto identifizieren, da in der Erinnerung der Siegloser eher die Ahnen der örtlichen Familien haften blieben. Allerdings legt deren Verteilung in der Gruppe eine soziale Abstufung nahe, indem die größeren Bauern – angeführt von der Familie Bube – und der Gastwirt weiter vorne sitzen, die Handwerker mit dem Bildhauer Karpenstein – von ihm später mehr – eher in der Mitte und schließlich hinten die Tagelöhner und Arbeiter. Wenn demnach Bernhard von Heister auf dem Foto zu finden ist, wäre der damals 35-Jährige eher bei den vorderen Personen ohne Nummer zu verorten:     

(Foto: Familie Döring; in: Karpenstein, Nr. 10000)
Allerdings blieb Bernhard von Heister zeitlebens unverheiratet. Stattdessen holte er früher oder später seine verwitwete Mutter zu sich auf den Siegloser Bauernhof. Denn diese starb dann mit 76 Jahren am weihnachtlichen 25. Dezember 1886 in Sieglos, worauf zwei Jahre später auch ihr Sohn mit nur 50 Jahren 1888 vor Ort das Zeitliche segnete. Da Bernhard von Heister keine Kinder hatte, endete damit die Geschichte der besagten Familie in Sieglos auch schon wieder. Zur besseren genealogischen Übersicht schuf Wilfried Hahn ein Schaubild:

Hinsichtlich des auf dem Siegloser Friedhof erhaltenen Grabsteinsockels der von Heister ergibt sich demnach als plausibelste Deutung, dass es sich um den Überrest eines Familiengrabes des Landwirts Bernhard von Heister handelt, in das zunächst 1886 seine alte Mutter Sophie Wilhelmine Luise bestattet wurde und das zwei Jahre später auch seine eigenen sterblichen Überreste aufnahm. Demnach setzte man das Wappen auf den Sockel, weil es über die einzelne Person hinaus für die ganze Familie stand, während auf dem verschwundenen Aufsatz der Individuen gedacht wurde. Eine letzte Gewissheit über das genaue Aussehen des Aufsatzes und den Inhalt der Inschriften könnte nur ein Foto des noch vollständigen Grabdenkmals liefern, doch ist eine solche Detailaufnahme bisher unbekannt. Zumindest liegt nahe, dass man als verantwortlichen Steinmetz einen Vertreter der Siegloser Bildhauerfamilie Karpenstein ansprechen kann – vielleicht noch denjenigen auf dem Foto von 1873.

Insgesamt konnte so immerhin etwas Licht in die Hintergründe des Grabsteinsockels der Familie Heister gebracht werden. Mit ihm verfügen wir über ein beachtliches Zeugnis der einzigen Siegloser Adelsfamilie des 19. Jahrhunderts, die mangels dortiger Nachfahren nahezu in Vergessenheit geriet. Darüber hinaus ist der Sockel allein schon deshalb schützenswert, da alle anderen Grabdenkmäler aus der Frühzeit des erst 1834 angelegten Friedhofs verschwunden sind. Letztlich dürfte das Stück schon damals zu den künstlerisch ansprechendsten Grabdenkmälern gezählt haben, so dass wohl auch das Wappen für den Erhalt des Sockels sorgte.  

Quellen und Literatur:

Bahlow, Hans: s. v. „Heister/Hester“; in: Deutsches Namenslexikon – Familien- und Vornamen nach Ursprung und Sinn erklärt; 1990.

Gemeindevorstand der Gemeinde Hauneck (Herausgeber): Hauneck – Chronik der sieben Dörfer; Redaktion und Gestaltung: Gemeindeverwaltung Hauneck; Projektleitung, Text und Bildauswahl: Georg Gerbig und Heike Höcker; Hauneck 1985.

Hahn, Wilfried: Familie Adolf Leopold Friedrich von Heister, Sieglos; Unveröffentlichte genealogische Auflistung in E-Mail an Dieter Karpenstein; Liebenburg 19.10.2011.

Hessisches Wappenbuch: s. v. „v. Heister“; 1943.

Kemp, Ellen: Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Hersfeld-Rotenburg I: Alheim bis Kirchheim; Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Braunschweig 1997.  

Karpenstein, Dieter: Unveröffentlichte Digital-Sammlung von Fotografien aus Sieglos und Umgebung; Sieglos 2011.

Poten, Bernhard von: s. v. „Heister, Leopold Philipp Theodor (von)“; in: Allgemeine Deutsche Biographie; Band 13; Leipzig 1881; S. 493 f.

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